1. Rock´n´Roll Club Neustadt an der Weinstr.

Rock´n´Roll - Boogie-Woogie - Lindy Hop

Rock’n’Roll im Selbstversuch

„Ballroom-Swing Night“ in der Kulturhalle Lachen-Speyerdorf zog auch Anfänger auf die Tanzfläche

Von Anke Wanger

Neustadt-Lachen. „Hauptsache, Bewegung zur Musik.“ So könnte man vielleicht das beschreiben, was am Samstagabend in der Karl-Ohler-Straße in Lachen-Speyerdorf los war: Die Hallentüren standen weit offen – auch „Swing-Anfängern“ oder „Wiedereinsteigern“ im  Tanzen. Der 1. Rock’n’Roll Club Neustadt hatte anlässlich des Kultursommers zum zweiten Mal zur „Ballroom-Swing Night“ eingeladen.
Für die fetzigen Tanzrhythmen von „Lindy-Hop“ bis „Boogie-Woogie“ sollte die „L.A. Reed Big Band“ aus Lampertheim mit Bandleader Rainer Heute sorgen, hatte ich erfahren. Was liegt da näher, als einfach mal einen mutigen „Selbstversuch“ in Sachen Mittanzen zu  wagen?Nun, ich zum Beispiel konnte mir zunächst sehr gut vorstellen, nur entspannt zuzuhören und zuzusehen. Nach meinem Tanzunterricht vor über drei Jahrzehnten gab es nur noch vereinzelt „Standardtanzgeschiebe“ auf engen Tanzflächen. Unvorsichtig hatte ich  zuvor  aber in der Redaktion erzählt, dass ich etwas früher zur Veranstaltung wollte als für einen Artikel über den Abend eigentlich nötig gewesen wäre: einfach, weil ich „nur mal kurz in die Tanzeinführung des Vereins reinschauen“ wollte. Zack! Klappe zu, Affe tot.
Schon saß ich in der Falle, oder besser gesagt: im „Reportageboot“. Soll heißen: „Selbstversuch für die Öffentlichkeit“.
Na gut. In der Halle ist es schon ziemlich heiß, als ich Bekanntschaft mit „Wolf & his Boogie Rabbits“ mache. „Wolf“ heißt eigentlich Wolfgang Lederle und ist seines Zeichens mehrfacher Meister und Weltmeister der Rock’n’Roll-Quartett-Formation sowie tanzbegeisterter  Vereinstrainer der Boogie- und Swingabteilung. Er bietet die Tanzeinführung in Swing-Elemente für alle, die auffrischen oder neu lernen wollen: eben „Hauptsache, Bewegung zur Musik.“ Fortsetzung kann im Verein folgen
Swing ist jedenfalls eine Stilrichtung des Jazz aus den 1920er Jahren, dessen Tänze im Dritten Reich zeitweise verboten waren. Schmucke Damen und Herren mit Federn und Blumen im Haar, Strohhüten und Retroschuhen malen ein farbenfrohes Bild: Im Hintergrund  laufen Bildszenen der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts über die Wand. Die Tanzfläche dagegen ist bislang erschreckend leer: Bevor ich in Panik gerate, strömen dank „Tanzwolfs“ energischen Aufrufen allerdings glücklicherweise weitere Tanzlernwillige in die  Mitte.
Der Rest der Besucher schaut einfach nur zu. Die nimmt jedoch schnell keiner mehr wahr, denn konzentriert geht es ans „Bouncen“. Das lockere Wippen auf dem Vorderfuß geht im Takt und zum Grundschritt „rück, vor und kick, kick“. Klappt. Ist aber auch noch nicht  schwer. Es folgen sogleich: Partnertanz, Drehung raus und rein, Promenade.
Neben erweiterten Schritten und Zählen im Takt gibt es jetzt Musik aus der Retorte – doch nicht genügend Männer! Das heißt für mich: ein Tanz mit zweiter Dame. Ich lasse ihr höflich den Vortritt bei der Geschlechterwahl. Was sich als leichtsinnig entpuppen sollte, denn  nun muss ich den Herrn mimen, und das wiederum bedeutet nicht weniger, als die eben erst mühsam erlernte Damenvariante in die seitenverkehrten Anweisungen des Vortänzers umzusetzen und zu „führen“. Noch Fragen?
Die Dame ist zwar nett, wartet aber verständlicherweise sehnsüchtig auf ihren Mann, der später vorbeikommen will. Endlich der Ruf: „Partnerwechsel!“ Jetzt bekomme auch ich einen echten Mann zum Tanzen ab.
Es läuft gut, es macht Spaß, ich will mehr. Weitere Drehungen, Seitenwechsel und eine Figur namens „Bauchstreichler“ müssen mit, zählen aber trotz Abwechslung immer noch zur „Grundeinführung“. Ein bisschen weiter möchte Lederle gehen und uns den „Charleston- Bounce“ beibringen.
Mein nächster Tanzpartner ist ein fortgeschrittener Tänzer. Zunächst denke ich noch: „Prima!“ Allerdings will er plötzlich ganz nach Lust und Laune variieren: Anfangs ahne ich gerade noch, was er will, doch da er kaum führt, bin ich schnell raus. Ich weiß nicht mehr, was  Sache ist und stehe meiner Meinung nach ziemlich überfordert rum. Jetzt bloß nicht darüber nachdenken! Glücklicherweise ist schon wieder Partnerwechsel, ein „Speed-Dancedating“ sozusagen.
Mein Nächster ist blutiger Anfänger wie ich, aber wir haben Spaß, stellen einander vor, legen los, sind im Takt, wenn auch „zur Sicherheit“ meist nur im Grundschritt. Da, leider schon wieder der Ruf zum Wechseln. Einmal gerate ich an einen Tänzer, der beim Tanzen ohne  Worte starr in die Ferne schaut, während ich lieber auf die Füße starre. Passt ja super!
Bis zum „Charleston-Bounce“ geht trotzdem alles gut. Doch was jetzt? Auf einmal ist der Gute schneller fertig mit der Folge als ich: Ich meine, sechs statt acht Zählzeiten, er meint nur, ich müsse besser aufpassen. Wie gut, dass erneut ein „Ersatzmann“ anrückt. Der  erzählt mir von skurrilen Tanzkörperhaltungen, die ihn an Rückenprobleme nach der Gartenarbeit erinnern. Wir lachen, er findet meine Schuhe cool. Die angesagten Abfolgen kriegen wir hin, schaffen es fast zweimal fehlerfrei durch „Tanzwolfs“ Kurzchoreographie.
Aus „kurz reinschnuppern“ ist dann schnell über eine Stunde Tanztraining geworden. Viele schwitzen, so auch ich. Echte„Profis“ haben Fächer dabei. Spätestens zum „Let´s dance“ der 30er Jahre hält es viele Besucher nicht mehr auf den Stühlen: Die Tanzfläche füllt sich  mit weiteren, fröhlichen Individualisten.

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz - Mittelhaardter Rundschau - Nr. 132
Datum Dienstag, den 10. Juni 2014
Seite 22

 

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